Overlapping Text and Image DIVI Layout

Wildwechsel

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Nach der Sitzung des IAAF-Council Anfang März frohlockte Präsident Seb Coe vollmundig: „Niemals zuvor in der Geschichte unseres Sports haben wir so viele monumentale Entscheidungen an einem einzigen Tag getroffen“. Diesem kühnen Selbstlob kann der aktuelle britische Hallen-Hochsprungmeister Mike Edwards vermutlich nur mit Spott begegnen, befand sich doch unter den Beschlüssen des Rats auch jener, der Leichtathleten den Wechsel des Startrechts für eine andere Nation weiterhin untersagt. Damit sind Edwards Pläne vorerst durchkreuzt: Als Besitzer auch eines nigerianischen Passes wollte er, weil der Verband des United Kingdom ihn nicht gemeldet hat, bei den Commonwealth-Games (4. bis 15. April) im australischen Cold Coast das Trikot des westafrikanischen Staates tragen. Seine Bitte um Nachsicht wies die IAAF mit dem Hinweis auf den Wechselstopp ab, obwohl die Games gar nicht zu ihrem Beritt gehören.

Der Fall Edwards ist der aktuellste, allerdings auch unverfänglichste auf einer Liste von umstrittenen Seitenwechseln („Nation Hopping“), gern auch als Wildwechsel bezeichnet. Der war gut herauszulesen aus den Medaillenspiegeln von EM 2016, Olympia in Rio und Cross-EM 2017, auf denen vermehrt Länder auftauchten, deren Nähe zur Leichtathletik bis dahin in etwa so eng war wie das Verhältnis der Deutschen zu Cricket: Mit Petrodollar um sich werfende Nationen der Region am Persischen Golf und die ebenfalls nicht knickrige autokratisch geführte Türkei trumpften plötzlich mit Sportlern oft unbekannten Namens auf. Erdogans Leichtathleten hatten dem gescheiterten Versuch, mit Medaillen gedopter Läuferinnen einen Beitrag zur Anreicherung des Nationalprestiges zu leisten, das Projekt Ködern folgen lassen. Topathleten aus wirtschaftlich angeschlagenen und politisch instabilen Ländern Ostafrikas, aus Cuba, Azerbaidschan und Jamaika wurden mit üppiger Unterstützung aus Staats- und/oder Sponsorenkasse gelockt, ausgestattet mit dem vom goldenen Halbmond beschienenen roten Pass, mit neuem, im Schnellverfahren besorgten Startrecht und frischem, der Landessprache angepassten Namen. Und dann ab aufs Siegerpodest. Golfstaaten lockten mit satten Monatsgehältern, Renten und Erfolgsprämien bis zu einer halben Million Dollar. Schon für Junioren.

 

Frage: Geht zu weit, wer hinter diesem Kulturbruch eine Form von modernem Menschenhandel vermutet?

Freilich, nicht alles, was neuerdings sprießt in der Euro-Leichtathletik, entstammt dem beschriebenen Wildwuchs. Unter den Seitenwechslern aus afrikanischen und asiatischen Problemstaaten befinden sich schließlich auch vom Asylrecht anerkannte Flüchtlinge (Sifan Hassan, Mo Farah, Homiyu Tesfaye), wählen Sportler aus dem einst unter der Kolonialaufsicht Frankreichs stehenden Maghreb ohne großes Aufsehen die französischen und belgischen Farben. Und registriert man Grenzüberschreitungen (Paarläufer Bruno Massot von Frankreich zum Olympiasieg für Deutschland) nicht auch in anderen Sportarten, zumal mitten in Europa, ganz ohne Hintergedanken?

Dessen ungeachtet ist festzuhalten, dass die IAAF trotz erster anrüchiger Seitenwechsel schon zur Jahrtausendwende lange nicht bemerkte (nicht bemerken wollte?), dass ihre „jetzige (Wechsel-) Regel ungeeignet ist und offen für Missbrauch und Manipulation“ (Präsident Coe). Dass Geschäftemacher mit dem Talent schwarzafrikanischer Läufer und Läuferinnen blühenden Handel treiben und deren Recht auf Selbstbestimmung schon mal ignorieren. Dass Nationalitäten zu „käuflichem Gut“ (Ex-DLV-Chef Clemens Prokop) verkommen. Dass auch diese Umtriebe zum immer wieder beklagten Glaubwürdigkeitsverlust der Leichtathletik beitragen.

Auf Initiative des Europa-Verbands EA sollen im Juli nun endlich Regeln (u.a. kein Wechsel vor dem 20. Lebensjahr) verabschiedet werden, die dem wilden Treiben Grenzen setzen. Mal schauen, wer sie respektiert. Und wer nicht.