Overlapping Text and Image DIVI Layout

Auf neuen Wegen zu Olympia 2020

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Man geht wohl kaum fehl mit der Prognose, der Rest der Leichtathletik-Saison 2018 werde nicht Schritt halten können mit dem vorzüglichen, allseits gelobten Format, das der Europameisterschaft im Berliner Olympiastadion verpasst worden ist. Die Vorhersage gilt, obwohl drei sogenannte Hochkaräter noch ausstehen: die beiden Finals der Diamond League (DL) in Zürich und Brüssel Ende August und der Continental Cup (CC) am 8. September in Ostrava (Ostrau). Wobei es schon ein wenig kühn ist, das Treffen der Kontinente-Mannschaften im Voraus in den Rang der Sonderklasse zu befördern, schließlich handelt es sich hierbei nur um das Remake des mangels Interesse von Ausrichtern und Athleten/innen nach 2006 aus dem Programm gestrichenen Weltcups. Und der DL-Schlusspunkt? Sagen wir mal so: Dass das im Jahr 2018 beste, nach neunjähriger Existenz indes immer noch nicht rundum akzeptierte Stück des Weltverbands IAAF jetzt das Saisonende erreicht hat, merken eher seine aktiven Protagonisten als die Öffentlichkeit: In Zürich und Brüssel ist nämlich Zahltag für die Sportler.

Wie soll es nach der EM 2018 weitergehen?

BEM 2018 als Highlight der Saison zu toppen wird also nicht gelingen. Das führt zu der Frage: Was geht in Zukunft überhaupt auf dem Sektor der internationalen Leichtathletik-Veranstaltungen? Davon, dass die IAAF heftig an einer Reform ihres Wettkampfkalenders werkelt, der im Rufe steht, wahlweise „ein buntes Durcheinander von Wettbewerben“ (IAAF-Präsident Seb Coe) oder „nebulös“ (Nachrichtenagentur Reuters) genannt zu werden, war 2018 noch wenig zu merken. Ein erster Versuch, „kreativ zu sein, uns mutiger zu präsentieren“ (Coe), ging für den Weltverband in die Hose, mit der flotten Berlin-EM hatte die IAAF ja nichts zu tun: Der frische „Athletics World Cup“ in London mit ausgewählten Nationalteams meist in Zweitbesetzung fand kaum ein Echo, mutete an, als „fummele da jemand im Dunklen herum“ (Londoner Zeitung The Guardian). Zu diesem Event fehlte das Vertrauen der Fans, weshalb die IAAF-Spitze folgerte: „Dann bringen uns Innovationen nichts“.

Teilnahme bei Olympia nur nach Weltrangliste?

Nun aber ist bereits die (WM-)Saison 2019 in Sicht, und die, glaubt man der IAAF, wird die internationale Wettkampfstruktur grundlegend ändern. Den Schlüssel zur Neuausrichtung besitzt eine Firma in Ungarn, Herausgeber der Internetplattform All-Athletics.com, ein Dienstleister der IAAF für statistische Daten, der bisher aber keine eigenständige Präsenz im Internet hat. Im Auftrag des Weltverbands haben die Ungarn ein Programm gebastelt, das eine „Weltrangliste“ erstellen soll, eine von Woche zu Woche, von Meeting zu Meeting sich aktualisierende Athleten-Rangliste nach Vorbild beispielsweise der Tennislisten. Details des für die Leichtathletik revolutionär anmutenden Projekts sind noch kaum öffentlich bekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Meetings (auch nationale Meisterschaften?) künftig nach Stellenwert eingeteilt und Ranglistenpunkte je nach Wertigkeit der Veranstaltung vergeben werden; wie im Tennis, wo bei einem Grand Slam-Turnier am meisten zu holen, Geld und Punkte, es folgen die neun Masters (1 Million Dollar Preisgeld) und die diversen Unter-1 Millionen-Events. Auf den DLV-Bereich übertragen könnte das bedeuten, dass beispielsweise mit einem 10,10-Sprint in Weinheim weniger Punkte zu holen sind als mit 10,10 in Monte Carlo. Denn grundsätzlich gilt: Diamond League first. Damit soll die mancherorts gering geschätzte Top-Serie die entscheidende Aufwertung erfahren. Viel wichtiger indes ist der Zweck der Übung: Über die Weltrangliste steuert die IAAF nun die Zulassung zu Weltmeisterschaften (WM) und Olympischen Spielen (OS), bereits 2019, wenn im Herbst die WM in der Hitzehochburg Doha/Qatar ansteht.

Viele Fragen bleiben

Wenn nun davon die Rede ist, die Weltrangsliste würde das globale Wettkampfsystem inklusive WM- und OS-Qualifikation lenken und schärfen, und erstmals in der Leichtathletik-Geschichte bekämen alle Beteiligten klare Einsicht in die Hierarchie der Wettkampfangebote, dann muss das zunächst mal als PR-Geklimper abgetan werden. Erst wenn das gesamte Paket aufgeschnürt ist, wird man Antworten auf die derzeit offenen Fragen erhalten. Aus nationaler Sicht besonders die: Bedeuten die IAAF-Rankings für den DLV das Ende seiner Nominierungsrichtlinien und Normen, weil nur noch zu WM/OS reist, wen der ungarische Computer mit den notwendigen Punkten ausrüstet? Bleiben WM/OS für junge Perspektivathleten unerreichbar, weil sie noch keinen Zugang zur Diamond League gefunden haben und deshalb nicht genügend Rankingpunkte sammeln konnten? Oder bleiben parallel zu den Rankings die bisherigen IAAF-Mindestleistungen bestehen, über die der Nachwuchs Doha, Paris, Tokio und Eugene buchen kann? Es wird Zeit, dass alle Fakten auf den Tisch kommen.