Umstrittener Test bei der Weltmeisterschaft 2019

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Bedrohung für Hirn und andere Organe in Doha

Als der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) vor fünf Jahren für seine Weltmeisterschaft 2019 die qatarische Metropole Doha auswählte, geschah dies unter bis heute zweifelhaften Umständen. Gesichert ist nur dieser Tatbestand: Das Council der IAAF, präziser ihren zwielichtigen Präsidenten Diack, interessierte nur der Reibach, der sich mit dem Zuschlag für das steinreiche Emirat erzielen ließ. Was den Rat damals nicht interessierte, war die Gesundheit der Athleten*tinnen. Die ist im Wüstenstaat am Persischen Golf großen Risiken ausgesetzt.

Denn im August, dem herkömmlichen WM-Monat, klettert dort das Thermometer bis auf 41 Grad Celsius, im September, wenn Leichtathleten für gewöhnlich ans Saisonende denken, auf 39 und im Oktober, wenn die Weltelite das Wintertraining vorbereitet, immer noch auf den Kreislauf stark belastende 35 Grad. Bedingungen also, die aus medizinischer Sicht eigentlich unzumutbar sind, ganz besonders für die, die sich den langen Strecken verschrieben haben. Das Herz-Kreislauf-System kann kollabieren: eine Bedrohung für Hirn und andere Organe.

Weltmeisterschaft 2019: Marathon nach Mitternacht

Gespenstische Bilder vom Zusammenbruch zweier Marathonis: 1984 torkelt die Schweizerin Gabi Andersen-Schiess total dehydriert über den „Grill“ auf der Zielgeraden im Olympiastadion von Los Angeles; 2018 bricht der Schotte Callum Hawkins bei den Commonwealth-Spielen im extrem heißen australischen Gold Coast in Führung liegend desorientiert zusammen. Bereits vergessen diese Horrorszenen des Spitzensports? Bei der IAAF ist das offenbar der Fall, bekam sie doch mit ihrer Doha-Entscheidung erst kalte Füße, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Sie musste sich korrigieren, verschob flugs den Termin für die Weltmeisterschaft auf Ende September/Anfang Oktober, verlegte den Marathonstart auf Mitternacht und ließ im Khalifa-Stadion eine teure Klimaanlage installieren. Die Temperaturen auf der Bahn werden auf 24 bis 26 Grad gedimmt.

E-Pille vor den Hitzerennen – Versuchskaninchen für Tokio

Der Gipfel aller Maßnahmen zur Beruhigung des schlechten Gewissens der Leichtathletikführung wurde jetzt bekannt, vier Wochen vor dem Start der Weltmeisterschaft. Aktiven WM-Teilnehmern soll – Achtung: keine Science Fiction-Handlung! — ein Chip angeboten werden, der Warnsignale von heiß gelaufenen Körpersystemen sendet. Das nur wenige Millimeter große Plättchen wird nicht, wie in den Jason-Bourne-Thrillern, unter die Haut implantiert, sondern wandert, verpackt in einer Kapsel, als E-Pille auf oralem Weg direkt in den Magen. Athleten*innen sind bei dieser Digitalaktion Versuchskaninchen, sie sollen das Warnsystem testen mit Hinblick auf Olympia im nächsten Jahr in Tokio, wo Hitze und extreme Luftfeuchtigkeit dem Menschen gehörig zusetzen. Das IOC will im nächsten Sommer nicht an „1984“ erinnert werden. Nein, nicht an Orwell, aber an Andersen-Schiess.

Geht`s noch, Lord Seb?

Für IAAF-Chef Sebastian Coe sind, wie zu lesen war, die Szenarien in Doha „alle neu und aufregend“. Wirklich nur aufregend? Geht`s noch, Lord Seb? Sind sie nicht eher vermeidbare Auswüchse einer hanebüchenen Entscheidung aus dem Jahr 2014, die Folge eines vom Kommerz diktierten Votums gegen die Natur der Leichtathletik, gegen ihren Rhythmus und: gegen ihre Aktiven? Hat der Dachverband nicht vielmehr für Wettkampfverhältnisse für seine Besten zu sorgen, die Langstreckenrennen bis morgens um zwei Uhr überflüssig machen. Und kein gesunder Athlet sich umstandshalber gezwungen sieht, vor dem Start Dinge schlucken zu müssen, um unverändert gesund im Ziel anzukommen? Schließlich hat die Leichtathletik schon genug Probleme mit der Mentalität der Athleten*innen, alles zu sich zu nehmen, was sie voranbringt.

Die Zukunft dieses Sports wird nicht von Wüstenstaaten und Südseeatollen garantiert, allenfalls von kleinstaatlichen Stimmenpaketen die Wiederwahl der Weltfunktionäre — und der ruhige Schlaf des von großzügigen Potentaten hofierten Schatzmeisters der IAAF. Nein, das Fortkommen der Leichtathletik ist gesichert, wenn ihre bewährten Zentren in Europa und Amerika nicht wegen missionarischem Übereifer vernachlässigt werden. Nur dann dürfen die Weltbesten davon ausgehen, optimale Voraussetzungen vorzufinden.

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Hier schreibt Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, regelmäßig seine Kolumne. Als einer der angesehensten Leichtathletik-Journalisten in Deutschland und ehemaliger Sprinter ist Michael Gernandt als echter Insider zu bezeichnen. In seiner Kolumne nimmt er kein Blatt vor den Mund.