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Sprint anno 2018 – eine Chance für die Anderen

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Die Freiluftsaison 2018 der Leichtathleten steckt zwar nicht mehr im Status nascendi, für einen Ausblick auf ihr Ende ist sie aber doch noch zu frisch. Eine Prognose sei dennoch erlaubt. Unser Sport wird nicht, wie Berufspessimisten unkten, der Bedeutungslosigkeit anheimfallen, nur weil sich Usain Bolt, der einst von dem zweifelhaften Typen Diack zum Heilsbringer ausgerufen worden war, aufs Altenteil zurückgezogen hat.

Woraus sich dieser Zufluss an Zuversicht speist? Aus einer zunächst noch vagen Ahnung, der Hundertmeterlauf der Männer könnte einer Art Entheroisierung entgegensehen. Schon klar, wer die Sache so sieht, macht sich des Sakrilegs verdächtig; einem über 100 Jahre gereiften Mythos zerkratzt man schließlich nicht einfach so den Lack, und das hohe Ross, von dem die Schnellsten des Globus für gewöhnlich herunter blicken aufs Fußvolk der Leichtathletik, wechselt nicht mir nichts, dir nichts vom strammen Galopp in den seichten Trab. Aber mal Hand aufs Herz, käme es der Leichtathletik in ihrer augenblicklich leicht diffusen Gemengelage nicht gelegen, wenn gerade dem Sprint jetzt mal ein um ein paar Lux reduziertes Rampenlicht träfe (schreibt im Übrigen einer, der qua sportlicher Herkunft unverdächtig ist, die Disziplin nicht zu mögen); selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihres Spektakels schlechthin verlustig ginge und sie der Außenwelt folglich noch weniger Anreiz böte, sich mit ihr zu beschäftigen?

Ein Reich der Muskelmonster

Was ist denn der Großsprint in den zurückliegenden 20 Jahren gewesen, genauer noch: seit dem 1988 vom Betrüger Ben Johnson ausgelösten Urknall? Krass formuliert, ein wahrer Sündenpfuhl, in dem sich manipulierte Muskelmonster aalten. Es gab mal eine Phase, da rangierten unter den zehn Schnellsten weltweit acht überführte Doper. Und an Nummer eins dieser Top ten thronte: ausgerechnet der Einzige, der sich nie aus der Giftküche bedient haben will. Ausrufzeichenfragezeichen. Dass diese skandalöse und leicht paradox anmutende Bilanz der Glaubwürdigkeit der Leichtathletik mehr geschadet hat als doppelt und dreifach so viele Dopingfälle unter Werfern und Ausdauerläufern, wollen nur jene immer noch nicht wahrhaben, die sich vom Rausch der Geschwindigkeit und Megarekorden gern benebeln – und betrügen lassen.

Wird also Zeit, wenn es im Sprint gemächlicher zugeht. Indizien für die Verlangsamung der flotten Männer liegen zum jetzigen Zeitpunkt der Saison vor. Wie belastbar sie sind in einem Jahr, das für die Muskelmänner aus Übersee kein reizvolles Großchampionat parat hat, wird sich zeigen. Bei bislang sechs Meetings der Diamond League-Serie verhielten sich die Protagonisten ungewohnt unauffällig; nicht 100-m-Zeiten unter 9,7, 9,8 oder 9,9 Sekunden stehen zu Buche, stattdessen „manierliche“ Werte knapp unter 10,0; die Weltrangliste ist besetzt von Athleten mit Allerweltsnamen – Baker, Young, Williams –, die angeblich Aussichtsreichsten für die Bolt-Nachfolge, Coleman und de Grasse, geben sich (noch?) reserviert.

100 Meter im Speerwurf

Ein abgespeckter, weniger glamouröser und anrüchiger Sprint mal ohne Überflieger aus der Welt der Fantasten täte der Leichtathletik gut. Er wäre eine wichtige Hilfe im stressigen Kampf des Weltverbands um mehr Glaubwürdigkeit, wichtiger am Ende als im Reformprozess so manche krampfhafte Verrenkung wie ein Kotau vor dem ständig fordernden Fernsehen. Und schließlich bietet ein Sprint mit gedimmtem Heiligenschein anderen Disziplinen und deren Führungselite die Chance, mal herauszutreten aus seiner Schatten werfenden Aura. Ein Sprinter wie Bolt hat lange genug die höchsten Weihen der IAAF bei der Gala in Monte Carlo bekommen und die Auszeichnung von „Track and Field News“ als Weltleichtathlet des Jahres für sich entschieden. Leichtathletik ist Vielfalt und nicht Monokultur, wir sind ja nicht beim Fußball und Ronaldo. Statt so einem wie Bolt mal einer von den drei fantastischen deutschen Speerwerfern, statt 9,5 Sekunden mal 100 Meter als die neue Weltmarke des zweiten Jahrzehnts – dagegen hätten wir zum Beispiel nichts einzuwenden.