Russlands Dopingaffäre: Einfach nur peinlich

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Acht Mal seit Ende 2015 hat das IAAF-Council (Internationalen Leichtathletik-Verbands) sich geweigert, den Dopingbann gegen sein russisches Mitglied RusAF aufzuheben. Als in der ersten Dezemberwoche nun die neunte Bestätigung der Suspendierung erfolgte, war das eine für das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Weltantidopingagentur (WADA), die beiden anderen globalen Protagonisten im 2014 aufgedeckten Russlandskandal, einfach nur peinliche Bloßstellung. Das IOC hatte den Russen ihren Dopingbetrug in Sotschi unmittelbar nach den Winterspielen 2018 eiskalt lächelnd verziehen und die WADA die an exponierter Stelle in die Affäre verstrickte und deshalb aus dem Verkehr gezogene Antidopingagentur Russlands (Rusada) vergangenen September wieder in Gang gesetzt. Zur weltweiten Empörung von Athleten und nationalen Antidopingzentralen.

Dass die IAAF und ihr Präsident Sebastian Coe nicht auf den durchsichtigen Kuschelkurs von IOC und WADA gegenüber dem russischen Sport eingeschwenkt sind, sondern dem Moskauer Betrugskartell von Anfang an die Stirn boten, mag Coe vielleicht die Aufnahme ins IOC-Komitee seines früheren Freundes Thomas Bach gekostet haben. Dafür kann sich der zweimalige Olympiasieger in den 1980er-Jahren aber nun endgültig des Respekts „aller, die rastlos für den sauberen Sport arbeiten“ (Nicole Sapstead, britische Antidopingchefin), sicher sein.

Stringenz beim IAAF-Council

Die Stringenz, mit der das IAAF-Council auf die Einhaltung der verabredeten Bedingungen für die Wiederaufnahme seines extrem einflussreichen russischen Mitglieds beharrte, brachten die eng miteinander vernetzten IOC und WADA nicht auf: Weil sie den Auftritt der russischen Artisten in ihrem Circus Maximus, dem Kommerzsport, braucht. Ex-WADA-Vorstandschef David Howman nannte die Heimholung der Rusada folglich einen „Triumph des Geldes über den sauberen Sport“.

Die Weltagentur dagegen weichte die wichtigsten Kriterien für die Russenrückkehr auf, verlangte am Ende nicht mehr die Anerkennung des sogenannten McLaren-Reports, der knallhart die von der ARD aufgedeckten Betrugsmethoden der Russen bestätigt hatte, bestand nicht mehr auf dem Eingeständnis russischer Regierungsstellen, die Doperei orchestriert zu haben und akzeptierte, dass zum Zeitpunkt der Aufhebung der Rusada-Sperre die Russen die vermutlich höchst brisanten Kontrolldaten -und proben aus den Jahren 2011-2015 aus dem Moskauer Dopinglabor der Weltagentur nicht wie verlangt ausgehändigt hatten.

Sebastian Coe kein Umfaller

Da auch die IAAF gesteigerten Wert auf die Laborergebnisse legt, zudem die auf fast drei Millionen Dollar angewachsenen Ausgaben der IAAF-Aufklärungsgruppe von Moskau nicht beglichen waren, mussten der Leichtathletik-Weltverband und sein Präsident den Russen weiterhin die kalte Schulter zeigen. Andererseits wäre Coe von der Sportwelt den Jungs von IOC und WADA gleichgestellt worden: Umfaller, Rußland-hörige.  Das hätte einen Rückschlag für die um Glaubwürdigkeit bemühte Leichtathletik bedeutet. Um die ist es bekanntlich wegen der „Schmutzeleien“ des Coe-Vorgängers Diack nicht zum Besten bestellt ist.

Russlands Dopingaffäre wird die internationale Leichtathletik und den Weltsport nun auch 2019, dem fünften Jahr nach ihrer Aufdeckung, noch beschäftigen. Einige wenige wie 2016 bis 2018 neutrale und von der IAAF mit dem Sauberkeitszertifikat versehene Russen müssen bei der Hallen-EM nächsten Jahres in Glasgow selbst dann noch auf das volle Ornat ihres weiterhin gesperrten Verbands verzichten, wenn RusAF bis spätestens Sylvester 2018 (WADA-Deadline für die Russen) die drei bis sieben Jahre alten Labordaten ihrer Sportler heraus gerückt haben sollte. Denn erst nach Glasgow tritt die allein beschlussfähige IAAF-Exekutive wieder zusammen, um die Sperre ein zehntes Mal zu prüfen. Richtig spannend wird die Causa jedoch erst dann, wenn WADA und IAAF wohl in den Besitz der Daten gekommen sind, diese sich jedoch, wie weiland bei den Sotschi-Spielen, als manipuliert und daher untauglich erweisen.  Man mag es kaum glauben: Dann will die WADA ihrem Sorgenkind aber wirklich mal die Leviten lesen.

Weitere Informationen finden Sie auch auf der Homepage der IAAF.