FdL – Rusada Doping

Rusada: Ein Aufschrei der Entrüstung!

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Die auf den Seychellen getroffene Entscheidung der Weltantidopingagentur (Wada), die seit 2015 geltende Suspendierung der russischen Antidopingagentur (Rusada), Folge des im Jahr zuvor aufgedeckten staatlich orchestrierten Dopingbetrugs, nun wieder aufzuheben, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Einen von im Weltsport selten erlebter Heftigkeit. Entfacht haben ihn Verbände, nationale Antidopingagenturen, Athleten-Vertretungen, Spitzensportler, Protagonisten der Antidopingszene, Politiker, internationale Medien und im Wada-Vorstand sitzende Widerständler gegen den übereilten Aufhebungsbeschluss.

IOC – Pate der Wada

Dass der vom angepassten schottischen IOC-Mitglied Craig Reedie geführten Agentur jetzt die Fetzen um die Ohren fliegen, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Ist sie doch in der Russlandaffäre einerseits früh eingeschwenkt auf den wachsweichen und daher kritisch beäugten Kurs seines Paten IOC und dessen Chef Bach gegenüber dem Putin-Sport. Und andererseits der Meinung von „unabhängigen Experten“ (Reedie in einem Offenen Brief vom 24. September an die Londoner Times) willig gefolgt, die Russen seien nun genug zu Kreuz gekrochen. Nachdem sie endlich Mitte September auf zwei noch offene Punkte im 31 Punkte-Forderungskatalog der Wada reagiert haben mit dem Geständnis eines Fehlverhaltens und der Zusicherung, der Wada zum 31. Dezember den Zugang zu cirka 2800 Dopingproben aus dem Moskauer Laboratorium zu gestatten.

Kniefall vor dem Kommerz

Indem sie die Nachreichungen zum Anlass nimmt, die Suspendierung aufzuheben, lässt sich die Reedie-Organisation von den Russen über den Tisch ziehen. Auf den ersten Blick zumindest scheint das so zu sein. In Wahrheit hat sie ihre eigenen strengen Regeln für das Comeback der Rusada bewusst aufgeweicht (Verzicht auf Anerkennung des akribischen McLaren-Reports, der die Mitwirkung der Kreml-Regierung am Dopingbetrug belegt), um die Rückkehr der einflussreichen Sportgroßmacht Russland in die Arena des olympischen Kommerzsports zu beschleunigen. Die Sicht des Wada-Förderers IOC ist nämlich die: Tritt die russische Artistengruppe weiterhin wie in Rio nicht komplett auf, könnten im Olympiazirkus die Preise fallen.

Es ist, wie es aussieht, dieser einvernehmliche Deal gewesen, der den Aufschrei von Athleten/innen und deren nationalen Antidopingagenturen entfacht hat. Das Vertrauen aller sauberer Sportler in die Institution, die ihnen qua Auftrag Schutz bieten soll: missbraucht. Der Graben zwischen den meist unabhängigen nationalen und der am Gängelband des IOC hängenden Weltagentur: weiter vertieft. Abgrundtief, wie aus dem Vorstand der deutschen Antidoping-Organisation verlautet, man wolle nicht mehr „in einem Atemzug mit der Wada genannt werden“. Die fragile Glaubwürdigkeit des Spitzensports: weiter beschädigt. Medienkommentare, denen es an Schärfe nicht mangelt: nicht überzogen. Die Wada habe sich als „ernstzunehmendes Ordnungsinstitut abgeschafft“ (SZ), die Aufhebung der Suspendierung sei „eine Bankrotterklärung“ (FAZ).

Leichtathletikverbände sind entsetzt

In diesem Zustand entgleister Verantwortlichkeiten mutet der Auftritt der Leichtathleten an wie ein Sprint auf die Gegenseite der Russland-Lobbyisten. DLV-Chef Jürgen Kessing („Schlag ins Gesicht für um sauberen Sport kämpfende Athleten/innen“) reagierte schneller als seine deutschen Kollegen anderer Sportfraktionen. EA-Präsident Svein Arne Hansen nannte das Wada-Votum einen „Rückschritt“, und Seb Coe, dessen IAAF seit drei Jahren den Schmusekurs des Tandems IOC/Wada mit einer Sperre des russischen Leichtathletikverbands Araf durchkreuzt, schlug auf der Klaviatur der Nachdenklichen die richtigen Töne an. Hinterfragt, ob die Rusada wirklich schon wieder so weit sei, dass sie ihre Athleten zweifelsfrei testen kann, ob internationale Athleten einem „so entsetzlich manipulierten System trauen sollen, jetzt sauber und sicher zu sein“. Unbeirrt von der Seychellen-Entscheidung und frei nach Coe („Die machen ihr Ding, wir das unsere“) bleibt die IAAF dabei, die die Aussperrung von Araf nicht vor Anfang Dezember zu überdenken. Stand jetzt kann man sich nur schwer vorstellen, dass sie ihre Kriterien für die Entsperrung doch noch zur Verhandlungsmasse erklärt.

Vicki Aggar, Sprecherin der britischen Athletenkommission, hat in Anbetracht der Rusada-Rehabilitierung „die Totenglocken für die Antidopingbewegung läuten hören“. Extrem skeptisch wohl, aber so hellhörig ist man im Leichtathletiklager nun doch noch nicht.