Ligareform mit Sprengkraft

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Hat der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) mit der Streichung (Ligareform) von acht Wettbewerben, den 200 m, 3000 m Hindernis, dem Dreisprung und dem Diskuswurf jeweils für Männer und Frauen, aus dem ab 2020 gültigen Disziplinkatalog der Diamond League (DL) ein Eigentor geschossen?

So zumindest lassen sich die Reaktionen auf die vergangene Woche veröffentlichen Maßnahmen zur Überwindung der Probleme deuten, deretwegen der Verband seit Jahren am Format der DL herumdoktern muss. Die IAAF, die sich von 2020 an der besseren Vermarktung wegen des weniger kryptischen Etikett „World Athletics“ verpasst, hatte die Wettkampfserie aus zuletzt 14 Meetings rund um den Globus zum Schaufenster ihres Sports erklärt. Jedoch registrieren müssen, dass die Kundschaft nur kurz einen Blick in die überschaubar attraktiven Auslagen warf. Die bescheidene öffentliche Wahrnehmung der DL vor allem in Europa (und hier besonders in Deutschland), dem bisherigen Kernbereich der Leichtathletik, war dann auch die Ursache für die jahrelang vergebliche Suche nach einem zahlungskräftigen Titelsponsor für die DL.

Für Kleingeld in Liga zwei – Ligareform geht weiter

Die ist zwar seit September beendet, nur wird sich zeigen müssen, ob der neue Partner, die chinesische Wanda Sports Group, die der League nun ihren Namen geben darf und World Athletics dafür auf zehn Jahre verteilte 100 Millionen Dollar überweist, das Recycling der Serie als großen Wurf erkennt. Vorerst hat das Pekinger Firmenkonglomerat lediglich erreicht, dass die DL um eine zweite Wettkampfstation in China aufgestockt wurde. Das aus Verbandssicht wichtigere Element der Reform, zumindest markttechnisch gesehen, ist das Angebot an bisher mäßig interessierte Fernsehsender: ein auf 90 TV-kompatible Minuten eingedampftes Abendprogramm. Ermöglicht wurde das durch die Disziplinreduzierung auf wechselweise zweimal zwölf pro Meeting. Damit es passt, mussten die acht Wettbewerbe weichen.

Eine keineswegs repräsentative Umfrage hatte sie als wenig populär und deshalb verzichtbar erkannt. Ihre Repräsentanten, der mögliche Bolt-Erbe und Doppel-DL-Sieger 2019 Noah Lyles, die Doppel-Europameisterin Dina Asher-Smith, die Hindernisgigantin Beatrice Chepkoech, der 18-m-Springer Christian Taylor und die Favoritin der deutschen Fans Gesa Krause – allesamt Langweiler? Das darf nicht wahr sein! Gleichwohl werden diese Stars von den Fleischtöpfen der Diamantliga ferngehalten, abgeschoben in eine zweitklassige Liga namens Continental Tour. Was sie dort erwartet? Kleingeld und weniger Aufmerksamkeit.

Die enorme Herausforderung durchaus in Rechnung gestellt, der sich die Leichtathleten beim Ausbalancieren ihres komplexen Sports zwischen Tradition und Moderne stellen müssen: aber diese DL-Reform birgt Sprengstoff. Das verdeutlicht der Aufschrei der Betroffenen. Zum einen ist da die Breitseite in Form eines Briefs, die „Global Throwing“, die Vereinigung der weltweit besten Diskuswerfer und ihrer Trainer (darunter der Deutsche Jürgen Schult), auf IAAF-Präsident Seb Coe abfeuert.

Auszüge aus dem Schreiben: „Wegen kurzfristiger Marketingstrategien zerstört der „Dear Lord Coe“ das historische und kulturelle Erbe der Leichtathletik; Coes Mission darf nicht sein, einzelne Disziplinen zu diskriminieren; Coe und seine Leute isolieren sich in ihrer eigenen Welt, indem sie mehr ihrem Schatzmeistern gefallen wollen als Athleten und Trainern; es fragt sich, ob Coe als Chef der gesamten Leichtathletik rechtens handelt, wenn er diese Reform absegnet. Derart ist der smarte Brite vermutlich noch nie angegangen worden. Wie so oft aalglatt-beschwichtigend wird er in dieser Kontroverse nicht bestehen können.“ Der vollständige Brief der „Global Throwing“ ist hier zu finden. 

Übertriebener Tanz ums Goldene Kalb

Den starken Männern aus dem Diskusring assistiert der Dreisprung-Olympionike Taylor. Er warnt davor, die Einheit des Sports zu gefährden: „Die Trennung der Disziplinen beschädigt den Sport, den wir lieben“. Seine Antwort auf den DL-Umbau ist die spontane Gründung einer auf Unabhängigkeit vom Verband zielenden Athletenvereinigung namens „Athletics Association“. Sie sollte die IAAF als Mahnung verstehen, den Tanz ums Goldene Kalb nicht zu Lasten einzelner Athletengruppen zu übertreiben. Die Botschaft des Taylor-Gremiums ist klar:

Es muss ein Ende haben mit der Fremdbestimmung von Sportprofis, wenn es um deren berufliche Belange geht. Bei existentiellen Entscheidungen ungehört nur am Katzentisch zu sitzen, wie das bei der Wahl des Klimaextremisten Doha zum WM-Ort 2019 der Fall war und nun mutmaßlich wieder, soll lange genug ihre Position gewesen sein. Achtung IAAF, die Schwimmern haben vorgemacht, was Selbstbestimmung erreichen kann. Im Sommer stellten sie eine eigene Wettkampfserie auf die Beine. Das freie Fernsehen übertrug, live und in Farbe.

Übrigens, hat die IAAF eigentlich bedacht, wie das IOC reagieren könnte, wenn sie die Hälfte ihrer WM-Wettbewerbe über Bord wirft und nur 24 für geeignet erachtet, Zuschauer und Sponsoren zu locken? Kopieren die Herren der Ringe das DL-Muster, bekämen sie schließlich den dringend benötigten Platz für neue Trendsportarten.  So viel zum Stichwort Eigentor.

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Hier schreibt Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, regelmäßig seine Kolumne. Als einer der angesehensten Leichtathletik-Journalisten in Deutschland und ehemaliger Sprinter ist Michael Gernandt als echter Insider zu bezeichnen. In seiner Kolumne nimmt er kein Blatt vor den Mund.