Quälen beim wählen

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Herbstzeit ist Wahlzeit. In der Politik und im Sport. Inklusive Leichtathletik. Die wählt sich, wenn die Blätter fallen, zwar nicht generell neue Parlamente, aber stets Athletinnen und Athleten des Jahres. Ist ja auch viel attraktiver. Der europäische Verband EA hat seine Gewinner bereits gekürt, Dina Asher-Smith, die britische Sprint-Dreifachsiegerin bei der EM, und den neuen Zehnkampf-Weltrekordler aus Frankreich, Kevin Mayer. So weit ist man beim DLV noch nicht, da müssen die zur Wahl stehenden Kandidaten erst noch veröffentlicht werden. Diesen Schritt hat der Weltverband bereits hinter sich: Für die IAAF Athletics Awards liegen die Longlists für Männer und Frauen seit Ende Oktober vor, jeweils zehn Personen – siehe unter https://www.iaaf.org/awards. Kurz vor der Siegerkür am 4. Dezember wird, wie bei den Literaturpreisen, aus der Long- eine Shortlist mit je fünf möglichen Gewinnern.

Kein Deutscher für die IAAF Athletics Awards nominiert

Diese Zehnerriegen der IAAF sind aus deutscher Sicht höchst interessant. Denn weder bei Männern noch bei Frauen ist ein Vertreter/in des DLV für die IAAF Athletics Awards notiert. Und das im EM-Jahr, das zumindest kontinental für ihn so erfolgreich war wie seit 1998 nicht mehr. Keinen unserer fünf Europameister, Gesa Krause, Malaika Mihambo, Christin Hussong, Thomas Röhler und Mateusz Przybylko, wollte die IAAF haben, auch den einzigen Diamond League-Sieger des DLV nicht, Andreas Hofmann.

Was sagen die IAAF-Aufstellungen aus über den Stellenwert der deutschen Leichtathletik im globalen Vergleich?

Zunächst sei erwähnt, dass es die Deutschen generell und auch Europas Männer (2018 nur Duplantis und Mayer nominiert) bei den oft arg Übersee-lastigen IAAF Athletics Awards nie leicht gehabt haben. Seit es den Preis gibt (1988) haben ihn nur zwei Deutsche, Katrin Krabbe (1991) und Heike Henkel (1992), gewinnen können. Ein Athlet nie! Speerwurfgigant Johannes Vetter schaffte es 2017 selbst als Europas Leichtathlet des Jahres nicht einmal in die Top fünf. Günstiger lief es im Wettbewerb Athletes of the Year (AOY) der renommierten US-Fachzeitschrift „Track and Field News“ (T&FN). Als die Kalifornier 1958 mit AOY starteten, hieß der Sieger Martin Lauer, Hürdenweltrekordler aus Köln. Einem weiteren Vertreter der beiden deutschen Verbände DLV und DVfL gelang der Sprung an die Spitze indes auch im T&FN-Wettbewerb nicht. Dagegen fünf Frauen: Marita Koch gar viermal, Rosi Ackermann, Ilona Briesenick sowie den beiden Heikes, Henkel und Drechsler, je einmal.

Qual der Wahl

Darüber hinaus wichtig zu wissen: Die Sieger des IAAF Athletics Awards und des amerikanischen Magazins unterscheiden sich durch die Qualität des Auswahlverfahrens. Beim Weltverband, dessen finales Resultat vom Council (50 Prozent), der sog. IAAF Family und der Öffentlichkeit (je 25 Prozent) bestimmt wird, darf man wohl davon ausgehen, dass dabei eine Menge Bauchgefühl und Subjektivität im Spiel sind. Im Gegensatz zum Votum der Kalifornier. Die benennen einen internationalen Pool von Experten und Statistiker, die mit wissenschaftlicher Akribie und unter Berücksichtigung diverser Parameter den Saisonauftritt der Besten objektiv einordnen.

Dass der Weltverband bei der Saisonabrechnung nun einen Bogen um die Deutschen schlägt: ist kein Beinbruch und deshalb zu verschmerzen. Es ändert nichts an ihrer Position auf dem Kontinent, wo sie zu den absoluten Schwergewichten zählen, und auch nicht auf globaler Ebene, die sie als Team (!) im leicht erweiterten Kreis der Weltspitze führt. Die fünf Europameister von Berlin haben für die Athletenwahlen von IAAF und T&FN das Handicap, in ihren Disziplinen nicht die anerkannten Nummern eins weltweit zu sein; wobei die gründlichen T&FN-Analysten in den Fällen Malaika Mihambo (Weit), Christin Hussong und Thomas Röhler (beide Speer) vielleicht zu einem anderen Urteil kommen werden. Die Chance, wenigstens auf die IAAF-Longlist zu kommen, bietet sich nur DLV-Athleten mit Weltmeisterstatus. Dass es selbst mit einem solchen dann nicht weiter nach oben geht: siehe Vetter anno 2017. IAAF-Menschen haben es nicht so mit den Werfern.

Sportler-des-Jahres-Wahlen – was sind sie also letztlich: Spielerei, Zeitvertreib, Zuckerl für die Gekürten, Pflichtstück, weil andere Branchen auch wählen, Marketinginstrument (war es für die auf den Dauerndsieger Bolt setzende IAAF tatsächlich)? Sicher ist eigentlich nur, was sie nicht sind: Eine Geschichte, die von der ganzen Leichtathletik berichten möchte, es aber nicht recht schafft.