Weltverband der Leichtathleten: IAAF nach 107 Jahren abgeschafft

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Seit vier Jahren bemüht sich der Leichtathletik-Weltverband IAAF, seinen in der Ära des senegalesischen Präsidenten Lamine Diack (1999-2015) entsetzlich ramponierten Ruf wiederherzustellen. Überall hatte der afrikanische Vorsteher des bedeutendsten olympischen Fachverbands mit tatkräftiger Assistenz seines Sohnes Papa Massata seine langen Finger drin: Russendoping, Vertuschung der Manipulationen, Bestechung, illegale Stimmenbeschaffung. Den von seinem Vorgänger hinterlassenen Schutt zu entsorgen hat sich Sebastian Coe als höchstes Ziel seiner ersten Amtszeit gesetzt. Die Beurteilung dieser Aufräumarbeit wird letztlich davon abhängen, wie der smarte Brite mögliche Attacken auf seine Seriosität übersteht, wenn Diack sen. im bevorstehenden Pariser Prozess glaubt, schmutzige Wäsche waschen zu müssen. Beispielsweise bei der Frage, ob des „Sonnenkönigs“ (FAZ) damaliger Vizepräsident Kenntnis von den Schmutzeleien hatte? Der Stellvertreter hieß bis 2015 Coe – und hat dies stets bestritten.

Coe ist gut vorangekommen nach der Übernahme des IAAF 

Vorerst jedoch und schon gar nicht im Jahr seiner angestrebten Wiederwahl im September will sich der sechste IAAF-Präsident in seinem Reformeifer überbieten lassen. Von niemandem. Coe ist in der Tat gut vorangekommen. Seine Vorgehensweise bei Strukturbereinigung, Steigerung der Transparenz und der Glaubwürdigkeit im Antidopingkampf folgte seiner Forderung: „Wir müssen alte Gewohnheiten ablegen“. Den vorläufigen Höhepunkt der Aktion „Alles muss raus“ erklomm die Putzkolonne des Weltverbands am zehnten Tag des Monats Juni: Da schaffte sie die „IAAF“ kurzerhand ab! Und ersetzte das 107 (!) Jahre alte sperrige Akronym durch den knackigen Begriff „World Athletics“.

Wofür W und A stehen sollen

Weil die Kürzelmanie noch nicht überwunden ist, darf man wohl davon ausgehen, dass der von Designerhand frisch gestylte Verbandsname schon bald einem „WA“ wird weichen müssen. Das wäre immerhin handlicher als „IAAF“, das nur noch bis zum Ende der WM 2019 für die komplizierte Wörterhäufung „International Association of Athletics Federations“ steht.  Vorauseilend teilte die Noch-IAAF mit: Das „W“ symbolisiere „einen Athleten, der im Sieg die Arme hochwirft“, und das „A“ bezeichne die Straße, auf die der trainierende Athlet sein Augenmerk richtet.

Die Gründe für die überraschende, indes bereits seit Anfang 2018 in Planung begriffene Neugestaltung des Namens liegen auf der Hand. Coe hofft, mit der „neuen Marke die neue Generation junger Menschen anzulocken und zu verpflichten“. Schon klar, nur bedarf es dazu mehr als eine standesamtliche Namensänderung. Leichter zu erreichen ist eher die Zielgruppe, die IAAF-Generalsekretär Jon Ridgeon meint, wenn er sagt: „Die neue Identität schafft ein Symbol, das für ein Alleinstellungsmerkmal steht, mit dem Partner und Events arbeiten können“.  Merke: der „General“ hat mit dem Täufling auch die Ökonomie des Verbands im Auge.

Das Kalkül des Verbands

Jugend, Finanzen und was noch? Am Ende des Tages soll, so das Kalkül, mit der Streichung des Kürzels IAAF auch deren rufschädigende Vergangenheit unter Diack in Vergessenheit geraten. Aber kann diese Rechnung von Coe und Co. aufgehen? Kleine Hilfestellung: Streicht doch zusätzlich noch alle Weltrekorde aus der Dopinghochzeit vor dem Jahr 2000.

Eine Bericht zum neuen Logo und Name können Sie auch auf der Homepage des Weltverbands finden. Auf seiner Twitter-Seite hat der Verband zum neuen Logo und Name auch ein Video online gestellt. Dieses können Sie hier abrufen. 

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Hier schreibt Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, regelmäßig seine Kolumne. Als einer der angesehensten Leichtathletik-Journalisten in Deutschland und ehemaliger Sprinter ist Michael Gernandt als echter Insider zu bezeichnen. In seiner Kolumne nimmt er kein Blatt vor den Mund.