Deutsche Leichtathletik 2019: Noch nicht einzuschätzen

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Lenkt man gut zwei Wochen vor ihrer nationalen Meisterschaft in Berlin den Blick auf die deutsche Leichtathletik, dann bietet sich ein Vergleich mit dem Fußball durchaus an. Genauer: mit einer in unwirtlichen Winterwochen durch Spielausfälle aus dem Ruder gelaufenen Tabelle der Bundesliga. Wirklich übersichtlich sind die Verhältnisse in der Leichtathletik jetzt auch nicht. Geschuldet ist dieser Zustand unwirtlichen Sommerwochen, die in Doha herrschen, wenn in klimatisch gemäßigten Gefilden der internationalen Leichtathletik normalerweise die Post abgeht.

Wegen unzumutbaren Hitzegraden in dieser Jahreszeit in Qatar, hatte bei der Wahl des WM-Orts 2019, vorsichtig formuliert, leicht verwirrtes Council des Weltverbands IAAF das Championat im Golf-Emirat bis in den Oktober hineinlegen müssen. Die Saisonverlängerung in die Zeit, wenn hierzulande die Blätter fallen, hat den Leistungsaufbau der Elite verzögert. Ein Umstand, der auch die Annäherung an die Hochform für 2020 zum Planungspuzzle macht. Olympia in Tokio beginnt bereits im Juli.

Mäßige Medienpräsenz für die Leichtathletik

Exakt ein Jahr vor den Spielen in Japan bereitet deshalb die Einschätzung der Elite des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) Probleme. Erschwert wird der Einblick ins Geschehen – zumindest für die Außenwelt – durch die anhaltend mäßige Präsenz der Medien. Frauenfußball-WM, Wimbledon, Tour de France hatten Vorrang. Und das Schwergewicht des leichtathletischen Alltags, die Diamond League der IAAF, muss sich weiter beim Pay-TV verstecken. Ungeachtet dieser Handicaps wurden doch nur diese Fakten medial wirklich profund gewürdigt: die internationale Spitzenposition des Speerwurf-Duos Hofmann/Röhler und der an der US-Westküste erfolgte Vorstoß der Mittelstrecklerin Klosterhalfen zur absoluten Weltklasse.

Gesteigerte Aufmerksamkeit könnte bald auch dem jungen Zehnkämpfer Niklas Kaul (21) zuteilwerden, dem Besten der vom DLV-Team äußerst erfolgreich bestrittenen, aber vorwiegend nur von Spartenmedien beachteten U23-Europameisterschaft. Gelang dem Mainzer die Steigerung auf 8572 Punkte, 2019 weltweit bisher nur einmal überboten, doch in einer Disziplin, die dem deutschen Sportfreund schon immer eine Herzensangelegenheit war. Im Übrigen hat die U23-EM die Hoffnung genährt, mit diesem Nachwuchs (Nr. 1 im Medaillenspiegel: 9/6/6, Nr. 1 in der Punktewertung für Finalisten) werde der DLV auch in Zukunft nicht schlecht aufgestellt sein, zumindest in Europa. Einziger Wermutstropfen: In 13 (!) von 44 U23-EM-Disziplinen startete kein deutscher Youngster.

Roter Faden bis Los Angeles?

Was also der olympischen Leichtathletik in Deutschland noch fehlt in diesem Jahr ist eine möglichst hochprozentige Gewissheit, dass sich die Vorleistungen der Saison in ihrem weiteren Verlauf auf Linie bringen lassen, einem roten Faden gleich, der den Weg markiert über Doha hinaus nach Tokio und vor Los Angeles (2024) erstmal noch nach München, wo der DLV 2022 bei der EM ein Heimspiel in Aussicht hat. Es ist nun ungewöhnlich, dass der DLV mitten in der Saison `19 zwei neue, nur einem kleinen Kreis bekannte Leute ans Reißbrett beordert hat, um die Linie abzustecken: Den Gonschinska-Nachfolger als Chef-Bundestrainer, Sportingenieur (!) Alexander Stolpe, und Hochschul-Professor Rainer Knöller in der Position eines Leitenden Bundestrainers Wissenschaft. Studiert man den DLV-Begleittext zu Personalwechsel und -Aufstockung, wähnt man sich in ein Labor für angewandte Künstliche Intelligenz versetzt und fragt sich, wem angesichts von Begriffen wie agiles Projektmanagement, Monotoring-System, digitale Prozesssteuerung, Paradigmenwechsel zuerst der Kopf schwirrt: dem braven Athleten oder seinem fremdgesteuerten Heimtrainer? 

Einen Ingenieur des Sports hatten sie beim DLV noch nie als ranghöchsten Trainer, einen „Head of Sports“ (Stolpe) auch noch nicht, ebenso keinen „Head of Science“ (Knöller). Es ist ein Kreuz mit diesen Anglizismen. Warum nur? Damit es mehr hermacht? Geht`s noch? 

Vermessung der Sportler geht weiter

Es sollte den DLV jedenfalls nicht überraschen, dass die mutmaßlich von Idriss Gonschinska, dem in Leipzig diplomierten Sportwissenschaftler, Ex-Cheftrainer und jetzigem DLV-Generalsekretär, forcierte Verwissenschaftlichung des Leistungssportsbetriebs nicht von allen Fachleuten einhellig begrüßt wird. Sucht der Ex, der den schwer hinkenden Laufdisziplinen „nicht hat helfen können“ (Bundestrainer a. D. Lothar Pöhlitz), mit der Verpflichtung der Wissenschaftler den Ausweg aus der Laufmisere? Der Heidelberger Pädagogik-Professor und ehemalige Mittelstreckler Gerhard Treutlein beklagt gleich mal mangelnde Balance beim sog. Paradigmenwechsel: Wo bleibt „die Ergänzung durch die Förderung der Mündigkeit der Sportler? Stattdessen immer weitergehende Vermessung und Außensteuerung der Sportler“.

Nun ja, der neue Chef-Bundestrainer wird schon bald wissen, was die Uhr geschlagen hat in seinem neuen Job. Er war schließlich mal Senior-Projektmanager bei Swiss-Timing.

 

Foto: Olaf Brockmann

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Hier schreibt Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, regelmäßig seine Kolumne. Als einer der angesehensten Leichtathletik-Journalisten in Deutschland und ehemaliger Sprinter ist Michael Gernandt als echter Insider zu bezeichnen. In seiner Kolumne nimmt er kein Blatt vor den Mund.