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Irgendwo zwischen Linke und Dutkiewicz

 

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Im Spätsommer 1959 reisten drei schwäbische Leichtathleten zum Länderkampf CSSR vs. BRD nach Prag, mit Zwischenstopp in Herzogenaurach. Dort waren sie abends Gäste der Sportartikelfirma P. Beim Abschied gab es ein Päckchen für jeden. Inhalt: ein Paar Trainingsschuhe und ein 50-DM-Schein. Die wackeren Schwaben wussten sich reich beschenkt.

Im Zeitalter des Kommerzsports wird die deutsche Sportelite schmunzeln ob solcher Episode aus den Tagen, als strenge Sittenwächter über den Amateurparagrafen wachten. Und doch, hat nicht soeben der sportlich allemal höher als die 3 Schwaben einzustufende Potsdamer Weltklassegeher Christopher Linke zu Protokoll gegeben, er müsse sich alle Sportsachen selber kaufen? Andererseits, hat die im globalen Ranking so hoch wie der Geher platzierte Hürdlerin Pamela Dutkiewicz aus Wattenscheid sich nicht gerade „tierisch aufgeregt“, wenn dargestellt werde, man könne vom Sport nicht leben und junge Leute deshalb „keinen Bock auf Leichtathletik haben“? Das sei „Quatsch“, nie wieder werde sie (als künftige Grundschullehrerin) so viel Geld verdienen wie im Augenblick.

2 Sichtweisen

Das sind zwei extreme Sicht- und Handlungsweisen, der Regel entsprechen sie eher nicht. Die Realität wird, wie bei Vielen, irgendwo zwischen Christopher Linke und Pamela Dutkiewicz liegen. Grundsätzlich gilt jedoch: Noch kein deutscher Leichtathlet der nationalen bis internationalen Klasse hat während seiner relativ kurzen Aktivenzeit (max. zehn Jahre) so gut verdient, dass er/sie für den Rest des Lebens versorgt ist. Selbst weltweit schaffen das nur Wenige, Usain Bolt zum Beispiel, wohl auch Mo Farah, früher Marion Jones – bis sie ihre durch Betrug gescheffelten Millionen ihren Anwälten überlassen musste. Die Leichtathletik schöpft nicht aus sprudelnden Quellen, Nähe zu den Geldtöpfen ist eher anderen Sparten vorbehalten. Die Gründe sollten bekannt sein…

Vermutlich sind aber auch noch keine nationalen Spitzenleute nach dem letzten Startschuss wirtschaftlich am Ende angelangt gewesen; vorausgesetzt, sie haben stets all ihre Sinne beieinandergehabt. Und davon darf man doch wohl bei Leichtathleten ausgehen, oder?

Wenn nun der Sport im Zuge der erregt diskutierten Leistungssportreform von der Politik einen „Mittelaufwuchs“ (Haushälter-Deutsch) in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe „zur Verbesserung der Situation von Athleten*innen und Trainern“ (DOSB) fordert, kann leicht der Eindruck entstehen, die Lage sei für die Betroffenen eher bescheiden. Zumindest für die Sportler*innen ist sie das nicht (für die Trainer indessen schon). Wären Wintersportler sonst die Nummer zwei weltweit und Leichtathleten immerhin im ersten halben Dutzend der Nationenrangliste (Punkte für WM-Ränge 1-8) zu Hause? Der Sportbund will das Euro-Plus nicht den Konten der Aktiven gutschreiben; sondern behauptet, es für die Umsetzung der Reform, die die generelle infrastrukturelle Verbesserung der Leistungsorganisation zum Ziel hat, zu benötigen. Und zwar sofort. Die Politik indessen sagt: erst reformieren, dann kassieren.

Die Geldquellen der Athleten

Es ist doch, was die Leichtathletikelite betrifft, vielmehr so, dass die bis hinab zum Jahrgang 2002 für einen allerdings überschaubaren Zeitraum mit ausreichend bis guter finanzieller Unterstützung diverser Einrichtungen rechnen kann.

Die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) fördert 28 DLV-Athleten in ihrer höchsten Versorgungsklasse, dem Top Team, mit Chancen auf Einkünfte aus den Kategorien Elite-Plus, Mercedes-Elite-, Ausbildungs- und Nachaktivenförderung, zahlt zudem fünfstellige Prämien beim Gewinn von Olympiamedaillen. Im DSH-Top Team Future sind obendrein 130 Junioren des Nachwuchskaders untergekommen, die Basisförderung der Stiftung erreicht die übrigen Mitglieder des Bundeskaders. Bares gibt es ferner von den (Groß-)Klubs, privaten Sponsoren, der Sportartikel- und der Werbeindustrie, von Sportstiftungen der Länder, von den Meetings (u.a. räumten elf Deutsche 2017 in der Diamond League fast 200.000 Dollar Preisgeld ab, Antrittsgelder extra, Spitzenmann war Speer-OlympiasiegerThomas Röhler mit 54.000). Nicht zu vergessen die monatlichen Bezüge für die Athleten der Sportfördergruppen von Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll. Einer von ihnen ist Christopher Linke. Ohne den Sold müsste er „ganz normal arbeiten“ (Linke). Gehen ginge dann nicht mehr.

Bleibt zu klären, ob die drei genügsamen Schwaben von anno `59 heute auf Ihresgleichen treffen würden? Das könnten die Opfer der für alle Sportarten vorgenommenen Umbenennung der Bundeskader sein. Neuerdings firmieren die beim DOSB als Olympia (früher A-Kader)-, Perspektiv (B)- und Nachwuchskader (C). Etwa 100 aus B erfuhren, sie seien ohne Perspektive, Förderung gestrichen. Was die wohl von Pamela Dutkiewicz` Quatsch-Anmerkung halten?