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EM 2018: Heidenarbeit nach der Mustermesse

Michael Gernandt

Ehema­liger Sportchef der SZ

Es ist wirklich viel hängen geblieben von der für die deutsche Leicht­ath­letik aufre­genden und erfolg­reichen und jetzt mit dem Einsatz von neun DLV‐Athleten und -Athle­tinnen beim Conti­nental Cup beendeten Saison 2018. Hervor­zu­heben sind:

  • die nur einmal (1998) übertroffene und vom Fachblatt „Leicht­ath­letik“ mit dem Prädikat „unfassbar“ geadelte sport­liche Ausbeute für das DLV‐Team bei der EM 2018 in Berlin,
  • die allseits mit Lob überhäufte Präsen­ta­ti­onsform der komplexen und deshalb zuweilen sperrigen Leicht­ath­letik beim konti­nen­talen Championat,
  • der Speer­wurfsieg von Andreas Hofmann im Finale der Diamond League (DL),
  • die nach 14 Stationen dieses Nummer‐eins‐Events der IAAF errun­genen Top‐eins‐Platzierungen für die Weitsprin­gerin Malaika Mihambo und die Kugel­sto­ßerin Christina Schwanitz; dass sie die finale 50.000 Dollar‐Siegprämie nicht erhielten, ist nur der bei den Finals in Zürich und Brüssel geltenden und die Sieger dort bevor­zu­genden Punkte­wertung geschuldet,
  • die weltweit unange­tastete Spitzen­stellung des Speerwurf‐Trios Vetter, Hofmann, Röhler,
  • die emotio­nalen Abschieds­feiern bei EM und ISTAF in Berlin für den sich vom Spitzen­sport zurück­zie­henden Robert Harting, den im vergan­genen Jahrzehnt inter­na­tional erfolg­reichsten DLV‐Leichtathleten.

Quoten wie lange nicht

Diese Revue der fest haftenden Highlights bedarf noch der Ergänzung durch ein weiteres Erinne­rungs­stück, das, sollte es sich als realis­tisch erweisen, von nicht unbedeu­tender Tragweite für die Leicht­ath­letik sein wird. Gemeint ist das EM 2018‐Fazit, das Jürgen Kessing gezogen hat, der neue Präsident des DLV. Er sagte, man sei in Berlin „dem Ziel näher gekommen, der Sportart wieder ihren Stellenwert früherer Jahr zurück­zu­geben“. Es gibt tatsächlich Finger­zeige, die den hoffnungs­vollen Ausblick des Präsi­denten stützen, allesamt zu erkennen gewesen bei der EM 2018. In Berlin sind die virtu­ellen Daten einer Umfrage des Markt­for­schungs­in­stituts Nielsen Sports, der zufolge 37 Prozent der deutschen Bevöl­kerung (nur für Fußball, 64, und die Formel eins, 42, fallen die Resultate besser aus) ein latentes Interesse an der Leicht­ath­letik haben, von real existie­renden Zahlen bestätigt worden (siehe dazu auch folgenden Artikel: https://www.sponsors.de/leichtathletik-deutschland-mehr-rampenlicht). Zuschau­er­re­korde im Stadion und inner­städ­ti­schen Außen­stellen der Meister­schaft, Spitzen­quoten im Fernsehen. Eine akribische und auf die Leicht­ath­letik zugeschnittene PR‐Arbeit, eine Reform des alther­ge­brachten Meister­schafts­pro­gramms sowie ein beträcht­licher Beitrag der Sportler und Sport­le­rinnen (siehe weiter unten) haben das Ergebnis ermög­licht.

Events im neuen Format

Schlüssel des Erfolgs ist die lange überfällig gewesene Aufwei­chung eines über Jahrzehnte verkrus­teten Meister­schafts­formats. Im Zentrum der Reform steht die zeitliche Verknappung der bishe­rigen Abend­ses­sionen zu einem kompakten, kurzwei­ligen und in den Prime‐Time‐Rahmen des Fernsehens passenden Unter­hal­tungs­pro­gramm. Kaum zu glauben: Die Leicht­ath­letik kann ja doch Event. Ältere Semester des Stamm­pu­blikums mögen die Eventi­sierung ihres Sports gelegentlich naserümpfend zur Kenntnis nehmen. Gleichwohl sollten sie in Berlin doch erkannt haben, dass nur mit der Abkehr von nicht mehr zeitge­mäßen Mustern neue Zielgruppen und junge Menschen zu erreichen sind. Voraus­ge­setzt, Grenzen werden nicht überschritten, hinter der der Zirkus seine Zelte aufschlägt; und nur folge­richtig, wenn der DLV das Berliner Modell auch auf sein natio­nales Championat überträgt. Geschieht dies und ringt man sich zu weiteren Neuerungen durch, so war die EM 2018 tatsächlich eine Muster­messe.

Beitrag der Athleten

Nahbar sein, Zuschauer einfangen und einbinden, nicht nur durch Höchst­leis­tungen, auch durch Projektion von Profil, Charisma, Charakter – ohne gleich in Boltsches Halli­galli zu verfallen. Im Übrigen hat die für die Außen­dar­stellung der deutschen Leicht­ath­letik unabdingbare Gruppe der sogenannten Typen, gern auch als Sympa­thie­träger bezeichnet, schon vertreten wie wir meinen durch Gesa Krause, Gina Lückenk­emper und dem Speerwurf‐Trio Röhler, Vetter, Hofmann, in diesem Jahr Nachschub bekommen. Geben doch auch die neuen Europa­meister Arthur Abele, Malaika Mihambo und Mateusz Przybylko ihrem Sport ein markantes Gesicht. Gemeinsam werden sie die von Hartings Rücktritt entstandene Image­lücke versuchen auszu­füllen.

Es gilt doch schließlich, das von Jürgen Kessing genannte Ziel zu erreichen. Aber Vorsicht, trotz EM 2018 ist das eine Heiden­arbeit. Deshalb hat auf Facebook ein langjäh­riges Mitglied der FREUNDE der Leicht­ath­letik empfohlen, „das noch junge Pflänzchen sorgsam zu pflegen“. Möglichst auch unter gütiger Mithilfe des Weltver­bands IAAF. Der sollte endlich sein Premi­um­produkt Diamond League so auf Vordermann bringen, dass die Serie erstens auch in Deutschland Station machen kann und zweitens dem frei empfang­baren Fernsehen hierzu­lande in den Kram passt. Ohne Highlight zwischen den Großcham­pio­naten, dem Alltag der Leicht­ath­letik, sind Reformen für die Katz.