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Eberstadt gibt auf

Michael Gernandt

Ehema­liger Sportchef der SZ

Der omnipo­tente Fußball mit seiner WM lässt in diesen Tagen dem olympi­schen Sport in den Medien kaum Luft zum Atmen. Allen Verdrän­gungs­me­cha­nismen zum Trotz hat eine Meldung aus der Leicht­ath­letik vergangene Woche aber doch eine Lücke im Nachrich­ten­ge­strüpp erwischt. Und es passt zur aktuellen Gemengelage, dass die News nicht von durchaus erwäh­nens­werten Leistungen deutscher Athleten kündet, sondern sich einem Vorgang mit negativem Anstrich widmet, dem Ende einer 40 Jahre alten Insti­tution: dem Inter­na­tio­nalen Hochsprung-Meeting im schwä­bi­schen Eberstadt, dessen 40. Auflage am 25./26. August dieses Jahres keine 41. mehr folgen wird. Ein finan­zi­eller und offenbar nicht mehr zu besei­ti­gender Engpass – Peter Schramm, dem Chefor­ga­ni­sator von Beginn an, fehlen nach dem Rückzug seines Haupt­sponsors 40.000 Euro zur Deckung des Meeting-Etats – versperrt der weltweit renom­mierten Veran­staltung ein für alle Mal den Weg in die Zukunft.

Das Ende eines Mythos

Warum es die Leicht­ath­letik insgesamt nun beklagen muss, dass Schramms Flugschau von 2019 an nicht mehr im Termin­ka­lender steht? Weil sie Mythos und Kleinod war, mit Etiket­tie­rungen versehen, die nur wenigen Elite­treffen unseres Sports anhaften und unent­behrlich sind gerade in nicht einfacher Lage. Mythen entspringen für gewöhnlich nicht einem Tag, Eberstadt indessen erreichte seinen mythi­schen Status während ein paar sonnigen Nachmit­tags­stunden des 9. Juni 1979, als drei deutsche Hochspringer, Carlo Thrän­hardt, Dietmar Mögenburg und Gerd Nagel, sich im selben Wettbewerb über die damals noch nicht ausge­prägt frequen­tierten 2,30 m schwangen. Dass so viel national-kompakter Wider­stand gegen die Erdan­ziehung möglich sein kann, begründete auf Anhieb die Sonder­stellung des Meetings; nahezu 240 Zweid­rei­ßiger bis heute, Weltre­korde von Jacek Wszola (2,35 m) aus Polen schon im Nachpre­mie­renjahr und von Zhu Jian Hua aus China (2,39 m, 1984) sowie weitere Euro-Rekorde von Thrän­hardt, Mögenburg, je 2,36 m, und Patrik Sjöberg aus Schweden 2,38 m (1985) ergaben schließlich den Eintrag in den Gotha des leicht­ath­le­ti­schen Hochadels.

Carlo Thränhardt: Fluggefühl wie nirgends auf der Welt

Wer nun das vier Jahrzehnte währende Hoch von Eberstadt zu ergründen versucht, muss vermutlich einfach nur Eberstadts Dauergast Carlo Thrän­hardt folgen, wenn er rühmt: „Du bekommst hier ein Fluggefühl wie nirgends auf der Welt“. Und sollte die Umstände berück­sich­tigen, die Eberstadt als Kleinod auszeichnen: Die intime, erhöhte Sprunglust vermit­telnde Atmosphäre des Kleinfeld-Stadions am Fuße des Weinbergs Eberfürst (einer Anlage im Übrigen, die am Anfang stand der Idee, mit Sparten­pro­grammen außerhalb großer Arenen die Leicht­ath­letik dem Volke näher zu bringen) – die väterlich-fürsorgliche Athle­ten­be­treuung des Peter Schramm – Athle­ten­ma­nager Günter Eisingers stets heißer Draht zu den zu verpflich­tenden Stars der Szene – und als weiteres Solitär des Höhen­fes­tivals die origi­nelle Zeremonie für den Sieger. Dem wurde von der örtlichen Weinge­nos­sen­schaft eine Ladung Wein vors Podest gekarrt, eine Flasche pro Kilogramm Körper­ge­wicht.

Geht das Meetingsterben weiter?

Eberstadt ist völlig zu Recht eine „Marke der deutschen Leicht­ath­letik“ genannt worden, in etwa auf einer Höhe mit dem ISTAF und dem Mehrkampf­meeting in Ratingen, legt man den Maßstab inter­na­tio­nales Image an. Wenn diese Marke nun Opfer des Vielfraß Kommerz wird, begibt sie sich nur auf den Weg, den auch andere schon aus ähnlichen Gründen einschlagen mussten, Manni Germars ASV-Meeting, Fredi Schäfers Koblenzer Sportfest am Oberwerth, Stuttgart, Münchens Hanns-Braun-Meeting und die kleinen, aber feinen Veran­stal­tungen der jüngeren Vergan­genheit in Rhede, Kassel, Cuxhaven, Biberach etc. Wann hat das Meeting­sterben ein Ende? Die Athleten und Athle­tinnen würden es begrüßen.

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