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DM 2018: „Ein Hoch auf uns“?

Michael Gernandt

Ehema­liger Sportchef der SZ

Bei seinem zweiten Eingriff ins laufende Programm der Leichtathletik-Meisterschaft in Nürnberg (DM 2018) hat der profes­sio­nelle Sanges­bruder Benedikt K. den Bourani-Song der Fußball-WM 2014 „Ein Hoch auf uns“ zum Pausen­füller erhoben. Mal abgesehen davon, dass der DLV alles unter­lassen sollte, das für seine Kunden längst unzumutbar gewordene Zeitformat der Titel­kämpfe von zweimal acht Stunden am Stück durch halbgare Showef­fekte zusätzlich zu belasten. Es ist auch die Frage: Wie angebracht ist eigentlich der von Freund Benedikt ausge­wählte Titel seines Vortrags für die deutsche Leicht­ath­letik und ihr Nürnberger Championat im Vorfeld der EM in Berlin?

56 persönliche Bestleistungen

Was die nackten Zahlen betrifft, passt er bei der DM 2018: Sieben Athleten/innen lieferten Leistungen aus dem veritablen Topbe­reich der Weltklasse. Die Speer­werfer Andreas Hofmann, Thomas Röhler und Johannes Vetter, Christina Schwanitz und David Storl mit der Kugel, Diskus­werfer Christoph Harting und Hürden­sprin­terin Pamela Dutkiewicz. 56 persön­liche Bestleis­tungen gab es und zehn neue EM-Normerfüllungen. Nur im Hammerwurf der Männer und über 400 m Hürden der Frauen wurden Quali­fi­ka­ti­ons­leis­tungen bisher nicht erreicht und ein paar seit geraumer Zeit aus inter­na­tio­naler Sicht erkennbare Schwach­stellen (Männer: 400 m, 800 m, 3000 m H, 400 m H. Frauen: neben der langen Hürden­strecke noch die 400 m) nicht behoben. Insgesamt fielen die Nürnberger Resultate der Sieger/innen mehrheitlich besser aus als die vor der EM 2016 und der WM 2017. Auch den wochenlang verletzt gewesenen Spitzen­kräften Konstanze Kloster­halfen und Johannes Vetter gelangen bei der DM 2018 „adäquate Leistungs­dar­stel­lungen bei der im Sinne der Nominie­rungs­richt­linien 2018“ (DLV-Sprech). Der Leitende Direktor Sport im Verband, Idriss Gonschinska, durfte daher durchaus zu Recht vermuten, sein etwa 120 Personen umfas­sendes EM-Team (Bekanntgabe am Mittwoch) werde „mit Schwung über Kienbaum (letztes Vorbe­rei­tungs­lager) nach Berlin“ fahren.

Wenn sich dennoch nicht jedes Detail der zwei Tage im Max-Morlock-Stadion auf das „Hoch auf uns“ berufen konnte, dann hat das mit einer zuweilen zu beobachten gewesenen Indif­ferenz zu tun. Deren Ursache, vermuten wir mal, ist im neuen Abschnitt der DLV-Nominierungsregularien zu suchen. Er ermög­lichte die vor- und frühzeitige Vergabe von EM-Tickets an 80 Athleten/innen mit erfüllter Norm (in anderen Ländern wird das schon lange so gehandhabt). Dahinter steckt der Wunsch der EM-Kandidaten nach einer druck-und sorgen­freien Annäherung an die Konti­nen­tal­meis­ter­schaft und nach der Entbindung vom verpflich­tenden Gewinn einer DM-Medaille (Beispiele: Pinto, Roleder, Heß, Holzdeppe). An einigen Stellen führte dieser Zustand der Zwang­lo­sigkeit indes zu Auftritten, die nicht nach jeder­manns Geschmack waren.

Im Schatten der EM

Streng genommen schadet so etwas dem Charakter und der Wertigkeit der deutschen Meister­schaft als dem natio­nalen Saison­hö­he­punkt. Es ist dem Autor auch nicht erinnerlich, dass die „Deutschen“ im Jahr eines inter­na­tio­nalen Titel­kampfes im eigenen Land derart unter dessen Einfluss standen (um nicht zu sagen: in seinem Schatten standen). Weder die DM von 1986 (EM Stuttgart), 1993 (WM Stuttgart) noch 2002 (EM München). Den Fokus allseits – sportlich, ökono­misch, medial, propa­gan­dis­tisch – so alter­na­tivlos auf Berlin 2018 zu legen, gründet nicht nur im Ehrgeiz der Event­ma­nager. Dahinter sollte vielmehr die Überlegung stehen, die EM könnte vorerst die letzte Gelegenheit bieten, der öffentlich ins Hinter­treffen geratenen Leicht­ath­letik ein Echo zu vermitteln, das länger anhält als über den Montag und Dienstag nach dem 12. August hinaus.

Im Erfolgsfall hätten Fans mit Distanz zur Popmusik sicher überhaupt nichts dagegen einzu­wenden, wenn dann Benedikt K. dann noch einmal sein „Ein Hoch auf uns“ zum Besten gibt.

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