Der wachsweiche Bann gegen Russland

Michael Gernandt

Ehemaliger Sportchef der SZ

Bei der ersten Lektüre seines Inhalts erweckte das zu Wochenbeginn ergangene Urteil der Weltantidopingagentur (Wada) gegen die Dopingbetrüger in Russland den Anschein, als habe die Wada mit dem Vorschlaghammer einen Volltreffer gelandet: Vier Jahre Sperre für den russischen Sport wegen Manipulation tausender Daten aus dem Moskauer Dopinglabor, Ausschluss als Nation bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio (Sommer) und 2022 in Peking (Winter), der Fußball-WM 2022 im fragwürdigen Katar und anderen Weltchampionaten bis 2023. Bei genauer Durchsicht der Papiere freilich entpuppt sich der Wada-Schiedsspruch, gegen den die Russen allerdings in (vermutlich aussichtslose) Berufung gehen werden beim internationalen Sportgerichtshof CAS, als löchrig, kurzum als: Etikettenschwindel. Es sei „jetzt amtlich: vierjähriges Wimpelverbot für Russland“, verspottete ein SZ-Online-Autor das scheinbar steinharte Verdikt.

„Antirussische Hysterie“?

Es ist in der Tat nur schwer nachzuvollziehen, dass die Sanktionen gegen die Russen im „größten Sportskandal, den die Welt bisher gesehen hat“ (Wada-Vize Linda Helleland), in dem Verbot gipfeln, bei den internationalen Großereignissen der nächsten vier Jahre in vollem Ornat aufzutreten. Keine Nationalsymbole Flagge, Hymne, Trikot. Aber nichts einzuwenden ist, wenn sportive Hundertschaften aus dem dopingversifften Großreich gegen die Sportelite der Welt antreten. Russlands Premier Medwedew hat den Vierjahresbann als „Fortsetzung der bereits chronisch gewordenen antirussischen Hysterie“ bezeichnet. Das ist ebenso verblendet wie falsch. Sondern vor allem die Fortsetzung des wachsweichen und devoten Umgangs der vermeintlichen Tugendwächter bei der Wada und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Schon zweimal, 2016 in Rio und 2018 in Pjöngchang, waren die Staatsdoper mit Samthandschuhen angefasst worden. Bequemerweise hatte es das IOC damals den globalen Fachverbänden überlassen, die Unbescholtenheit ihrer Sportler*innen zu überprüfen. Blindlings-bedenkenlos wurden die zur Startlinie durchgewunken. Diesmal wieder? Mehr Vertrauen darf man nur dann in die Prüfung der Athletenintegrität haben, wenn die Wada sie diesmal selbst durch Forensiker und Investigative vornehmen lässt. Ob auch die inkriminierten Moskauer Daten aus dem Zeitraum 2012-2015 noch relevant sind für die kommenden Sportereignisse, bedarf noch der Klärung. Hilfe von den Manipulatoren ist nicht zu erwarten. Für den deutschen Betrugsaufklärer Seppelt, der mit seinen Russland-Recherchen 2014 den Stein ins Rollen gebracht hatte, ist deshalb „der Generalverdacht gegen Russland gerechtfertigt, und dass kein russischer Sportler antreten darf, Ultima Ratio“. Zum Schutz der Sauberen.

Denen Chancengleichheit zu garantieren, betont das IOC, wann immer sich ihm die Gelegenheit dazu bietet. Im vorliegenden Fall indessen hat der Ringezirkel schon im Vorfeld einem Urteil Vorschub geleistet — das die Täter schützt. Wer die sind, verrät das Urteil nicht. Schade!

Das verpasste Signal

Weil sie auch diesmal „billig“ davongekommen sind, sollte man sich das Szenario anno 2020 daheim in Moskau nun am besten so vorstellen: vor dem Fernseher weiß-blau-rote Fähnchen schwingende russische Offizielle bis hinauf in den Kreml klopfen sich vor Genugtuung ob der Beschwichtigungspolitik von IOC und Wada auf die Oberschenkel und feiern die Erfolge der Ihren; woraufhin die angepassten Moskauer Staatsmedien das flaggenlose Team selbstverständlich im Medaillenspiegel unter „Rossiya“ führen.

Derweil der Rest der Sportwelt fragt, wie lange noch der russische Sport sich eigentlich alles erlauben darf. Und wer seine Hand mal wieder schützend über ihn gehalten hat. Die Spur, so der Verdacht, führt nach Lausanne, wo einerseits natürlich die Forderung nach „härtester Bestrafung“ (IOC-Chef Bach) erging, wo andererseits indessen alles unternommen wurde, genau diese zu verhindern. Die maximale Sanktion aber wäre — unter Inkaufnahme diesmal notwendiger Ungerechtigkeit gegenüber unbescholtenen Athleten*innen — der Komplettausschluss Russlands gewesen: das lang erhoffte, aber wieder einmal ausgebliebene überzeugende Signal für echten Fortschritt im Antidopingkurs und dafür, nun wirklich ernst zu machen mit der Wahrung der Integrität des Sports.

Wie viele erfolglose Versuche diesbezüglich will man sich in Lausanne noch leisten?

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Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, hat hier bis Dezember 2019 regelmäßig seine Kolumne veröffentlicht. Hier können alle seine bei den FREUNDEN veröffentlichten Beiträge angesehen werden.