Anfang des Jahres musste Alina Reh einen herben Rückschlag verkraften. Ein Ermüdungsbruch am Ansatz des rechten Wadenbeins bremste die 21-Jährige nach einem Trainingslager schon im April aus. Nach einigen Wochen Trainingspause im Frühjahr kam sie aber umso stärker zurück. Zunächst wurde Alina Reh mit einem fulminanten (durch die Medien allerdings leider wenig beachteten) Rennen Vierte bei den Europameisterschaften in Berlin. Nun setzte die Athletin des SSV Ulm 1846 am Wochenende in Köln ein neues Ausrufezeichen: 1:09:31 Stunden – Deutsche U23-Bestleistung im Halbmarathon. Damit toppte sie ihren eigenen Rekord um 1:50 Minuten (weitere Informationen dazu). Bereits Anfang des Jahres sprach FREUNDE-Mitglied Jörg Valentin mit Alina Reh, die ebenfalls Mitglied bei den FREUNDEN ist, und ihrem Trainer Jürgen Austin-Kerl. Dabei entstanden ist folgendes Interview:

Interview

Das Jahr 2018 in der Leichtathletik wird von der EM in Berlin als wichtigster Fixpunkt bestimmt. Alina, wie beurteilst Du Deine Chancen die Qualifikationsnormen zu schaffen? Du als hochtalentierte Leichtathletin mit Perspektive könntest sogar einen möglichen Doppelstart über 5.000 und 10.000 m in Erwägung ziehen. Wie sehen die Planung und die Aussichten in Richtung Berlin aus?
Alina Reh: Ich werde versuchen, die Qualifikationsnormen über 5.000 m sowie über 10.000 m zu unterbieten. Wenn beides funktioniert, sehe ich meine Chancen über 10.000 m etwas besser. Ein Doppelstart kommt nicht in Frage, da ich mich in Berlin auf einen Start konzentrieren möchte.

 

Jürgen, Du als erfahrener Langstreckler hast die sportliche Verantwortung für Alina übernommen, als es nach dem Wechsel nach Ulm nicht richtig laufen wollte und Alinas Karriere eine erste Delle hatte. Wo hast Du die Hebel angesetzt, um wieder in die Erfolgsspur zu kommen? Was ist das Geheimnis des Erfolges?
Jürgen Austin-Kerl: Ja, das war im Anfang gar nicht so einfach. Alina war zu diesem Zeitpunkt ziemlich „down“ und das in allen Belangen. Wir haben in vielen Gesprächen ihre Vergangenheit, was Training und ihr Umfeld betrifft, aufgearbeitet. Damit ich mir ein Bild darüber machten konnte, wie und was sie trainiert hat. Nach dem ich das Gesamtbild hatte, habe ich das Training umgestellt, nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Die Schwerpunkte gingen erst mal in Richtung Schnelligkeit, Koordination, Stabilisation und wir haben sehr viele unspezifische Trainingsformen (Aquajogging, Ergometer etc.) eingebaut. Das Geheimnis des Erfolges bleibt unser 😉

 

Alina, nach einer Bänderverletzung im Frühwinter hast Du zuletzt in der Halle bei der DM in Dortmund (Platz 3) und mit dem Juniorentitel im Cross von Ohrdruf trotz eines Sturzes ein erfolgreiches Comeback gefeiert. Viele Deutsche Langstreckler zieht es in die Höhe von Flagstaff/USA oder sonst wohin. Planst Du auch ein Höhentrainingslager als wichtigen Baustein Deiner Vorbereitung?
Alina Reh: Jürgen und ich waren im Oktober/November 2017 in Dullstroom/Südafrika im Höhentrainingslager (2.000 ü.n.N). Es war eine sehr schöne Erfahrung dort zu trainieren, aber wie viel es mir gebracht hat, kann ich nicht wirklich beurteilen. Ich finde den Reiseaufwand, den man für solch ein Trainingslager betreibt, ziemlich groß. Laufen kann man überall und wenn man von seinem Konzept überzeugt ist, funktioniert vieles genauso gut in heimischen Gefilden. Ich trainiere gerne zu Hause, dort habe ich die nötige Ruhe im Training, um mich auf die anstehenden Wettkämpfe vorzubereiten.

 

Ein Trainer muss neben einem Vorbeter der eigenen Trainingsphilosophie immer auch ein guter Motivator und Mentaltrainer für seine Athleten sein. Welche Aspekte versuchst Du Deinen Athleten zu vermitteln und wo siehst Du Alinas Stärken und Schwächen?
Jürgen Austin-Kerl: Motivation und mentale Stärke spielen eine ganz wichtige Rolle im Leistungssport. Auch in diesem Bereich haben wir von Anfang an eine Menge gemacht. Hinzu kommt das absolute gegenseitige Vertrauen, welches sich nach und nach aufgebaut und gefestigt hat. Alinas Stärken sind ganz klar ihr eisernen Wille und die Lust am Laufen. Sie ist immer hoch motiviert, verliert nie ihr Ziel aus den Augen und ist neugierig auf das was kommt auf „Neues“. Sie beschäftigt sich sehr intensiv mit dem, was im Training auf sie zukommt und geht immer hoch konzentriert und fokussiert in jede Einheit. In den letzten zwei Jahren ist sie unwahrscheinlich „ gereift“, sieht viele Dinge entspannter und geht diese auch genauso an. Ihre einzige Schwäche, wenn man die als solche bezeichnen kann, ist ihre Ungeduld. Aber in der Ruhe liegt die Kraft.

 

Alina, irgendwann wirst Du sicher neben der Bahnathletik auch auf die Straße wechseln wollen. Ist schon ein Zeitpunkt fixiert, wann es einmal in Richtung Marathon laufen könnte?
Alina Reh: Einen Zeitpunkt, wann es auf den Marathon gehen könnte, gibt es nicht. Derzeit mache ich mir darüber auch noch gar keine Gedanken. Aber Marathon laufen möchte ich auf jeden Fall, wenn die Zeit gekommen ist und mein Körper es zulässt. Mich reizt die Streckenlänge und die Atmosphäre bei großen Marathons.

 

Alina, Du giltst als umgängliche Athletin. Für jede und jeden immer ein offenes Ohr. Immer freundlich. Als eine der wenigen jungen Vorzeigeleichtathletin bist Du Mitglied bei den Freunden der Leichtathletik. Wie beurteilst Du deren Philosophie, die sich zum Ziel gesetzt hat, junge Leichtathleten zu fördern und für den Leistungssport zu begeistern?
Alina Reh: Es ehrt mich natürlich als Vorzeigeathletin zu gelten. Ich betreibe meinen Sport aus großer Leidenschaft. Aus anfänglichem Hobby-/Schülersport wurde Leistungssport. Es gibt immer weniger Jugendliche, die sich für den Leistungssport interessieren. Das liegt zum einen am hohen Medienkonsum und zum anderen am hohen gesellschaftlichen Druck „beruflich etwas auf die Reihe zu bekommen“ und nicht seinen beruflichen Werdegang auf Grund des Sportes „zu riskieren“. Deshalb finde ich es echt super, dass es so einen Verein wie die FREUNDE der Leichtathletik gibt, die junge Menschen/Athleten für den Leistungssport begeistern und sie mit den unterschiedlichsten Mitteln fördern.

Leichtathletik-News

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Hier schreibt Michael Gernandt, FREUNDE-Mitglied und langjährige Sportchef der Süddeutschen Zeitung, regelmäßig seine Kolumne. Als einer der angesehensten Leichtathletik-Journalisten in Deutschland und ehemaliger Sprinter ist Michael Gernandt als echter Insider zu bezeichnen. In seiner Kolumne nimmt er kein Blatt vor den Mund.